
An dieser Stelle, im Mittwochsblatt, soll auch, wie an verschiedenen Orten der anthroposophischen Einrichtungen, an die Kulturtaten Rudolf Steiners erinnert werden, die sich aus seinem Lebenswerk ergeben haben.
Je länger und je mehr man sich damit beschäftigt, umso erstaunlicher ist das Ringen, mit dem er sich bemüht hat, eine spirituelle, geistige Sichtweise in das Leben der Menschen zu bringen und die allgemeinen Menschenfragen aus dieser Perspektive heraus zu beleuchten und zu befruchten. Es soll einmal ein Zitat aus einem seiner tausenden Vorträge eingefügt werden, das zeigt, wie er mit dem Zeitgeist gerungen hat :
„Man könnte leicht meinen, wenn man genötigt ist, so manches von dem zu sagen, was eben auch im Laufe der Betrachtungen gesagt werden muss, dass diese Betrachtungen (gemeint sind die anthroposophischen, Anm. d. Verf.) dazu dienen sollten, unsere Zeit nur anzuklagen. Ich habe oftmals betont, das ist nicht der Fall. Dasjenige, was hier gesagt ist, ist zur Charakteristik der Zeit, nicht zu einer Kritik der Zeit, gesagt. Es kann aber nicht verlangt werden, dass da, wo Wahrheit geredet werden soll, nicht auch auf das hingedeutet werde, was eben durchschaut werden muss, sei es in seiner Haltlosigkeit, sei es in seiner Schädlichkeit. Dabei darf man ja durchaus sagen: sollte es denn ganz tadelnswert sein, wenn man ein gewisses Beispiel – selbstverständlich in entsprechend großer Entfernung – befolgt, ein Beispiel, das aber eben nicht genug befolgt werden kann. Im Evangelium wird ja nicht erzählt, dass der Christus Jesus in den Tempel gegangen ist und die Händler gestreichelt hat, sondern es wird einem etwas anderes erzählt, dass er die Stühle umgeworfen hat und dergleichen! Um dasjenige, was geltend gemacht werden soll, wirklich geltend zu machen, dazu ist eben notwendig, dass man wirklichkeitsgemäß auf dasjenige hinweist, was getadelt werden muss, wenn die Zeit vorwärts gehen soll. Da darf nicht das Sentimentale einer ganz falschen Schönfärberei in der menschlichen Seele Platz greifen und etwa gar als allgemeine Menschenliebe ausposaunt werden.“ (aus GA 180, S. 191)
Es ist vermutlich seinem Erbe inhärent, dass, wo immer man sich darum bemüht, die vielen Impulse, die wir seinem Werk, und so eben auch die Waldorfschulen, verdanken, zu ringen haben
mit Mut um die Wahrhaftigkeit, die in der Wirklichkeit nicht offensichtlich ist, sondern immer neu gefunden werden muss und dass es dabei eines guten Unterscheidungsvermögens bedarf, auch , und vielleicht gerade, wenn wir nach einhundert Jahren „in entsprechend großer Entfernung“ zu dem damaligen Geschehen stehen.
Seine Impulse, dort, wo sie ernst genommen werden, sind so nötig und befruchtend für die Entwicklung der Menschen wie einst.
Ursula Nicolai
Do., 27.03. | 20:15 – 21:45 | 90 Min.
Geheimakte Rudolf Steiner
D 2024 | Dokumentarfilm